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Wie Uno meine DDR beendete

Nachgemacht - Spielekopien aus der DDR: Wie Uno meine DDR beendete - UNO

UNO


Das Spiel Uno war genau so, wie ich mir „den Westen“ (inklusive Amerika) immer vorstellte. Zumindest als Kind. Es war bunt, einfach und mutete doch unweigerlich an, wie die schnöde Kopie eines Spiels, das ich seit Langem kannte.

 
Das erste „Gesellschaftsspiel“, dass ich als kleiner Junge beherrschte war Mau-Mau. Zumindest wenn ich mich recht entsinne. Mau-Mau war ein simples Spiel, jeder schien es zu kenne – ob Groß ob Klein. Für den Freibadbesuch oder ein gemütliches Beisammensein im Garten, war das kurze Intermezzo mit dem Skatblatt genau das richtige. Ich mochte das Spiel. Doch eines Tages sollte sich alles ändern...

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Meine Tante besuchte uns. Mit ihren vier Kindern. Wir liebten es gemeinsam zu toben und zu spielen. Als ich, im Leichtsinn eines Kindes, das noch von der Unveränderlichkeit des Lebens ausgeht, fragte, ob wir nicht gemeinsam eine Partie Mau-Mau spielen wollten, entgegnete einer meiner beiden Cousins, dass sie inzwischen etwas Besseres haben. Ja, er sagte „etwas Besseres“ und zog verwegen einen roten Pappkarton hervor, aus dem bunte Karten purzelten. U N O stand in goldgelben Lettern auf der Packung und ich sollte tatsächlich bemerken, dass die Übereinstimmung mit meinem guten alten Mau-Mau tatsächlich frappierend war. 

Zugegeben, es gab einige Elemente die, zumindest im Vergleich zu den mir bekannten Mau-Mau Regeln, bei Uno abwichen. Z.B. das Auslegen zweier Karten gleichzeitig, das Dazwischenlegen weiterer Spielkarten, das Sprechen des Wortes „Uno“ um die letzte Karte anzukündigen etc. Doch rechtfertigten, in meinen Augen, keine dieser Variationen das Fertigen eines eigenen Blattes. Gerade wenn man sich vor Augen führte, dass es sich bei Mau-Mau um ein Traditionsspiel handelte, das im besten Sinne stets in Auslegung und Spiel-Evolution neue Modifikationen hervorbrachte. Kaum ein Spiel ist so weit verbreitet und gleichzeitig von so vielen regionalen Unterschieden geprägt. Zwar sind die Grundregeln stets gleich, doch die Variationen sind endlos. Vom Königs-Mau-Mau, über das Kleutscher-Mau, bishin zum Idioten-Mau-Mau ist alles und mehr denkbar. (Wikipedia liefert zu der Vielzahl an Mau-Mau Varianten eine umfassende Übersicht.

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Doch was mich – zumindest im Rahmen meiner verklärten Erinnerung – am meisten an Uno störte, war, dass es so konkret daher kam. Jean Paul bezeichnet das Spiel als „die erste Poesie des Menschen“ und gibt das Beispiel eines kleinen Mädchens, dass einer verschlissenen Holzpuppe Seele einhaucht, ohne dazu eine Puppe zu benötigen, die wie ein echtes Kind anmutet. „[R]eicht ihnen nicht die Eier bunt und mit Gestalten übermalt, sondern weiß; sie werden sich aus dem Innern das bunte Gefieder schon ausbrüten.“ (1) Ganz so verhält es sich auch hier: Musste der kindliche Geist bei Mau-Mau sich selbst den Hintergrund erdenken, warum mir der Bube einen Wunsch erfüllt oder die (verflixte) 7 die Kartenhand meines Mitspielers (oder Gegners) aufstockt, so blieb bei Uno nur noch die blanke Regel übrig. „+2“ stand auf der Karte und unterminierte jeglichen Spielraum zu Interpretation. Doch gerade ein solcher Interpretationsspielraum ermöglicht die Evolution von Spielen, wie auch Mau-Mau par excellence beweist: Manch einer setzt die 7 als Universalkarte ein, die jederzeit gelegt werden kann, manche ermöglichen das addieren der 7en (zu 2 + 2 + 2 usw.), andere hingegen multiplizieren sogar, so dass derjenige der die erste 7 spielt, sogar mit 16 Karten gestraft sein kann, sofern seine drei Mitspieler ebenfalls eine 7 spielen. 

Doch möchte ich Uno nicht Unrecht tun. Denn wie jedes andere Kind auch, liebte ich das Neue und spielte auch Uno gemeinsam mit Cousins und Cousinen immer sehr gern. War es am Ende doch dynamischer als sein Großvater Mau-Mau. Doch am Ende liegt es schließlich nicht allein am Spiel, sondern zu forderst an der Phantasie der Spielenden, was daraus gemacht wird. Zudem Uno ist bei weitem nicht so neu gewesen, wie ich es damals dachte: Das Spiel wurde auf Grundlage der taditionellen Spielidee 1969 in Amerika (damit hatte ich zumindest recht) entwickelt. 1986 wurde es von Amigo auf dem deutschen Markt eingeführt. Schnell avancierte es zu einem Kassenschlager und ist (laut Angaben des aktuellen Verlags Mattel) das meistverkaufte Kartenspiel der Welt (wenn man eben von den lizenzfreien Kartendecks absieht). 

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Ein solcher Erfolg geht natürlich auch an der DDR nicht vorüber. Christine bastelte sich und ihrer Familie in den späten 80er Jahren Uno nach. Das sonst Abstrakte (Mau-Mau) machte sie konkret und kopierte nicht nur den Spielmechanismus – der ja ohnehin bekannt war – sondern widmete sich in aller Hingabe dem Design. Mit Filzstiften, bzw. Faserschreibern, wie es ja früher hieß, malte sie Karte um Karte nach, bis das Uno-Unikat fertig war. 

Es ist zwar nur meine Spekulation, doch vielleicht erlebten auch ihre Kinder das Ende der DDR mit einer Wende in den Spielen. Das handgefertigte Uno verschwand in einer Dachbodenkiste und wurde gegen ein neues Spiel „aus dem Westen“ ersetzt. Die Kinder freute es, doch bis heute werden sie sich an das mühsam gefertigte Unikat erinnern, bei dem sie das erste Mal freudig ausriefen: „Uno.“ 

(1) Jean Paul Richter: „Levana oder Erziehlehre“, §47 & §49 

Autor: Martin









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